Archiv des Monats: November 2018

Johannes Frimmel: 20 Jahre Gesellschaft für Buchforschung in Österreich

Am 8. November 2018 fanden sich Mitglieder und Freunde der Gesellschaft für Buchforschung in den schönen Loos-Räumen der Wienbibliothek zusammen, um ein besonderes Jubiläum zu feiern: Vor 20 Jahren beschlossen Peter R. Frank und Murray G. Hall die Gesellschaft für Buchforschung in Österreich ins Leben zu rufen. Deren Gründung wurde, wie es im vereinspolizeilichen Amtsdeutsch hieß, „nicht untersagt“, und so kann die Gesellschaft bereits auf zwei Jahrzehnte erfolgreicher Vereinsarbeit und auf eine stets wachsende Mitgliederzahl zurückblicken.

Der erste Obmann Peter R. Frank konnte aus gesundheitlichen Gründen leider nicht an der Feier teilnehmen. Sein Nachfolger Murray G. Hall dankte einleitend Peter R. Frank, der schon lange vor der Gründung der Gesellschaft ein unermüdlicher Proponent der österreichischen Buchforschung war und bis heute ein begeisterter Anreger und Ideengeber ist, stets auf der Suche nach noch unbearbeiteten Forschungsgebieten. Murray G. Hall berichtete dann in seiner Rede eindrücklich über die Umstände der Gründung der Gesellschaft. Zum einen suchte man die Unterstützung des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels, um einen geregelten Zugang zum Archiv des Buchgewerbehauses zu erreichen und auch um gemeinsame wissenschaftliche Projekte anzuregen. Beides mit geringem Erfolg; immerhin ist das Archiv heute in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek untergebracht und somit gut benutzbar.

Weiters wollte man der buchgeschichtlichen Forschung in Österreich eine publizistische Plattform bieten. Dies gelang durch die seit 1998 zweimal jährlich erscheinenden Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung, die heute in der Fachwelt anerkannt sind und auch von zahlreichen Bibliotheken in Österreich, Deutschland, England der Schweiz und den USA abonniert und ausgewertet werden. Als Forum für größere wissenschaftliche Arbeiten wurde 2000 von Peter R. Frank und Murray G. Hall die Reihe „Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich“ ins Leben gerufen (bisher 9 Bde., seit Bd. 4 bei Harrassowitz). Diese Publikationen haben ebenso wie die Beteiligung an Tagungen und Konferenzen, deren Ergebnisse publiziert wurden, die Gesellschaft für einen interessierten Kreis sichtbar gemacht. Wie Murray G. Hall hervorhob, wäre allerdings eine stärkere öffentliche Präsenz durch Tagungen und Veranstaltungen wünschenswert, ist aber derzeit kaum leistbar, da der Gesellschaft die hierfür nötige institutionelle Unterstützung fehlt.

Die seit Beginn bestehende Website ist durch ihre pdf-Versionen der älteren Bände der Mitteilungen und durch das laufend aktualisierte Verzeichnis der Hochschulschriften zwar eine wichtige Quelle, gehört aber in den Worten des Obmanns „entstaubt und ausgebaut“. Auch eine Professur für Buchwissenschaft bzw. Buchforschung wurde bis heute nicht eingerichtet, obwohl es darum viele Bemühungen seitens der Gesellschaft gab, und trotz einer Welle von neueingerichteten Professuren teils recht vagen Inhalts an der Universität Wien.

Auf Murray G. Halls Rück- und Ausblick folgten drei Referate, die die wissenschaftliche Bandbreite der Buchforschung aufzeigten. Dr. Irmgard Lahner (UB Salzburg) berichtete über das von Universität und Land kofinanzierte Projekt zur Erforschung der Geschichte der Universitätsbibliothek in der NS-Zeit. Die Spurensuche nach geraubten Büchern, insbesondere aus den beschlagnahmten Bibliotheken der Klöster St. Peter und Michelbeuern, aber auch aus jüdischem Privatbesitz brachte eindrucksvolle Ergebnisse. In Buchrückgaben von hoher symbolischer Bedeutung konnten dank der akribischen Forschungen zahlreiche Exemplare ihren rechtmäßigen Eigentümern wiedererstattet werden.1 Dr. Thomas Csanády, administrativer Leiter der Abteilung für Sondersammlungen der UB Graz, stellte mit den von ihm betreuten mittelalterlichen Handschriften und Frühdrucken ein gänzlich anderes aber nicht weniger faszinierendes Forschungsfeld vor. Im hauseigenen Restaurierungsatelier und Digitalisierungszentrum werden auf höchstem technischem Niveau die Grundlagen für wissenschaftliche Projekte erarbeitet, die am interdisziplinären „Forschungszentrum VESTIGIA. Zentrum für die Erforschung des Buch- und Schrifterbes“ an der Universität Graz durchgeführt werden; jüngst etwa die Erschließung von Handschriften der Stiftsbibliothek Seckau. Der Verfasser dieses Beitrags hatte schließlich die Gelegenheit, die buchwissenschaftlichen Studiengänge an der Universität München (Leiterin: Prof. Christine Haug) vorzustellen, deren Erfolgsmodell auf der Verbindung von theoretischem und historischem Wissen mit verlagswirtschaftlicher Praxis besteht. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Umbrüche und Transformationen gelegt, die die Digitalisierung für die Verlage bedeutet. Der neue Name Zentrum für Buchwissenschaft: Buchforschung – Verlagswirtschaft – Digitale Medien bildet das Aufgabenfeld noch eindrücklicher ab: Intensive wissenschaftliche und verlagspraktische Auseinandersetzung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Mediums Buch.

Das folgende von Prof. Norbert Bachleitner moderierte Podiumsgespräch entwickelte sich zu einer lebhaften Diskussion. Die Bilanz der Buchforschung in Österreich wurde dabei ambivalent eingeschätzt: Unbestritten sind die wissenschaftlichen Leistungen, so etwa die auch international in vieler Hinsicht vorbildliche Provenienzforschung an den Bibliotheken. Demgegenüber stehen aber Probleme wie die Kontinuität der Forschung und die Frage des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dies liegt einerseits an der fehlenden Institutionalisierung von Buchforschung an den Universitäten; aber auch in der Bibliotheksausbildung wurden buchgeschichtliche Inhalte stark reduziert bzw. sind gar nur mehr als Wahlfach präsent, also abwählbar. Die von Klein- und Kleinstunternehmen geprägte österreichische Verlagslandschaft führt dazu, dass das Engagement der Branche für die Buchforschung und eine buchwissenschaftlich-verlagswirtschaftliche Ausbildung gering war und ist. Dennoch hat die österreichische Buchforschung unbestritten kulturpolitische Relevanz und wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Neben der Restitution sind hier auch die großartigen historischen Buchbestände zu nennen, ein Erbe, dessen wissenschaftliche Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist. Dies gilt auch für die Geschichte des österreichischen Verlagswesens, das sich über Jahrhunderte durch seine sprachliche und kulturelle Vielfalt auszeichnete.

Die anregende Diskussion war aber noch nicht der Schlusspunkt des offiziellen Teils der Feierlichkeiten. Überraschend meldete sich Prof. Ernst Fischer, emeritierter
Buchwissenschaftler aus Mainz, zu Wort, um Murray G. Hall in einer Laudatio für sein unermüdliches Engagement für die Gesellschaft zu danken. Als symbolischer Dank wurde ihm ein Lorbeerbaum überreicht – denn Murray ist nicht nur leidenschaftlicher Buch- und Verlagshistoriker, sondern auch ein kaum weniger passionierter Gärtner. Der Abend fand seinen Abschluss bei Gesprächen bei Brot und Wein sowie einem Konzert mit sehr wienerischen Liedern von Trixi Neundlinger und Band. Großer Dank gilt der Wienbibliothek für ihre Gastfreundschaft und ihre wie stets hervorragende organisatorische Unterstützung, insbesondere Frau Mag. Suzie Wong, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, dem stellvertretenden Obmann der Gesellschaft Mag. Reinhard Buchberger und der Direktorin Dr. Sylvia Mattl-Wurm. Nach diesem gelungenen Abend freuen sich schon alle Besucher auf die Feier zum ersten Vierteljahrhundert der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich im Jahr 2023!

1 Vgl. dazu den Beitrag von Andreas Schmoller in den Mitteilungen: Buchspuren eines „Kulturkampfes“. Akzente und Perspektiven eines Projektes der Universitätsbibliothek Salzburg zu Buchraub und NS-Geschichte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, 2010-1, S. 17–22.

Johannes Frimmel: 20 Jahre Gesellschaft für Buchforschung in Österreich [Redemanuskript, PDF]

Die Rede wurde auch in den Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2018-2, S. 55–58 veröffentlicht.

Murray Hall: 20 Jahre Gesellschaft für Buchforschung in Österreich (8. November 2018)

Liebe Mitglieder der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich! Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich möchte Herrn Mag. Buchberger, Mitarbeiter/Bibliothekar der Wienbibliothek und auch stellvertretender Obmann unseres Vereins, für seine einleitenden Worte danken. Ich möchte mich auch bei der Direktorin der Wienbibliothek, Frau Dr. Sylvia Mattl-Wurm, für die Möglichkeit bedanken, unsere Feier in den schönen Loos-Räumen der Bibliothek abzuhalten. Es sind jetzt schon 20 Jahre, dass die Gesellschaft für Buchforschung in Österreich von Peter R. Frank und mir gegründet wurde. Der Gründung gingen Bemühungen von seiner wie auch von meiner Seite aus, die Buchforschung in Österreich zu institutionalisieren und wissenschaftlich zu etablieren. Das war und bleibt kein leichtes Unterfangen. Wir hatten über die Jahre getrennt wie auch gemeinsam die sukzessiven „Generalsekretäre“ (so hießen sie damals) des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels aufgesucht bzw. kontaktiert, um die Branche für eine solche Institutionalisierung unter Teilnahme der Buchhandelsvertretung zu interessieren. Ein primäres Anliegen meinerseits damals war der geregelte Zugang zum Archiv im Buchgewerbehaus in der Grünangergasse, das ich bei den Recherchen zu meiner Österreichischen Verlagsgeschichte 1918–1938 in der ersten Hälfte der 1980er Jahre im großen Umfang auswerten konnte. Es gab zwar immer einen guten Willen seitens der Generalsekretäre, aber immer wieder Stolpersteine und natürlich die Frage, wer das Archiv betreuen sollte, ja gar wem es zum Teil gehörte. Inzwischen befindet sich das Archiv Buchgewerbehaus in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Als klar wurde, dass von der Standesvertretung kein Impuls ausgehen würde, haben Peter Frank und ich die Statuten zur Gründung eines Vereins bei der Vereinspolizei eingereicht, und die Bildung wurde — wie es im Amtsdeutsch heißt — nicht untersagt. Wir waren mit der Gründung Ende der 1990er Jahre zeitlich und ohne finanzielle Rückendeckung ziemlich hinten nach, gibt es doch in Deutschland schon seit dem 19. Jahrhundert die Historische Kommission des Börsenvereins, die aktuell die Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert sukzessiv aufarbeitet und die Digitalisierung des seit 1834 erscheinenden Börsenblatts des deutschen Buchhandels fördert. Das sind Brötchen, die man hierzulande (siehe oben) nicht backen kann, obwohl immerhin das Organ des österreichischen Buchhandels, die Buchhändler-Correspondenz (leider mit ein paar nicht gefüllten schmerzhaften Lücken) von 1860 bis 1945 auf ANNO online ist. Die Digitalisierung weiterer Buchhandelsfachblätter wäre zu wünschen. Wenn ich noch bei den ‚Defiziten‘ bleiben darf: die Buchwissenschaft ist im Vergleich zu Deutschland, wo es in München, Erlangen, Leipzig, Mainz und Frankfurt Zentren gibt, auf universitärem Boden in Österreich nicht verankert. So lange ich und gelegentlich auch andere relevante Lehrveranstaltungen anboten, gab es so etwas wie Buchforschung, aber das ist nicht mehr der Fall. Die Hoffnung auf einen einschlägigen Lehrstuhl blieb unerfüllt. Obwohl etwa an der Universität Wien immer wieder mir obskur erscheinende neue Professuren erfunden werden.

In den ersten zwanzig Jahren haben wir jedes Jahr zweimal ein Mitteilungsheft herausgebracht, das nach bescheidenen Anfängen nun international anerkannt und verbreitet wird. So bibliographiert die Deutsche Nationalbibliothek jeden einzelnen Beitrag in unseren Mitteilungen. Wir haben Mitglieder nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern auch z.B. in Slowenien, Australien, Japan, Großbritannien, Tschechien, Holland, Ungarn, den USA und Frankreich. Seitdem Peter Frank aus Altersgründen nicht mehr in der Lage ist, mir redaktionellen Beistand zu leisten, steht mir unser langjähriger Kassier Johannes Frimmel zur Seite. Im Bewusstsein, dass wir für umfangreichere Grundlagenarbeiten über Österreich bzw. die Habsburg-Monarchie ein größeres Forum als die Mitteilungen brauchen, haben wir im Jahr 2000 die Reihe „Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich“ ins Leben gerufen, die inzwischen neun Bände aufweist und seit Band 4 im renommierten Harrassowitz Verlag in Wiesbaden erscheint. In Aussicht steht ein Band über die Buchhandelstopographie in Böhmen. Diese Publikationen haben die Gesellschaft für einen interessierten Kreis gewiss sichtbar gemacht genauso wie Tagungen und Konferenzen, an denen wir beteiligt waren und deren Ergebnisse publiziert wurden. Aber ich muss gestehen, dass die öffentliche Präsenz ausbaubar ist und dass es schade ist, dass wir in den ersten beiden Jahrzehnten nicht in der Lage waren, noch mehr für unser Forschungsgebiet relevante Tagungen zu veranstalten. Wer Erfahrung auf diesem Gebiet hat, weiß, dass es für eine Einzelperson ohne institutionelle Unterstützung nicht möglich ist, solche Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Einen Punkt muss ich noch erwähnen: wir sind von Beginn an im Internet präsent unter der Adresse www.buchforschung.at. Die Website ist kein reiner Datenfriedhof, denn es werden in regelmäßigen Abständen die Mitteilungshefte als pdf-File ins Netz gestellt und die Rubrik Hochschulschriften laufend aktualisiert, aber sie gehört entstaubt und ausgebaut. Vielleicht gehen wir in eine noch bessere Zukunft?

Abschließend möchte ich Peter R. Frank, der gesundheitsbedingt heute nicht anwesend sein kann, in meinem Namen sowie im Namen aller Anwesenden meinen großen Dank aussprechen. Ich möchte seine Grüße hier ausrichten. Seit der Gründung des Vereins, eigentlich schon lange Jahre davor, war er ein unermüdlicher Proponent der Buchforschung in Österreich und war besonders bei den Mitteilungen als Anreger und Ideengeber hochaktiv und immer wieder auf der Suche nach sichtbaren Lücken in unserem Forschungsfeld. Als Praktiker und Herausgeber war ich von den Anregungen, einen Beitrag zu diesem oder jenem Thema zu bringen, immer begeistert, aber oft ratlos angesichts der Suche nach einer geeigneten Person, die etwas für uns schreiben könnte.
Ein großer Wunsch von Peter Frank, eine SHARP-Konferenz (SHARP ist ein Akronym für Society for the History of Authorship, Reading and Publishing) mit vielen Hunderten Teilnehmern nach Wien zu bringen, wird bis auf weiteres ein Wunsch bleiben.

Abschließend möchte ich meinen Dank an zwei Institutionen aussprechen, die uns im Laufe der Jahre gefördert haben bzw. noch fördern: bis die Druckkostenförderung generell eingestellt wurde, sind wir bei den Mitteilungen vom Wissenschaftsministerium unterstützt worden und werden noch heute vom Kulturamt der Stadt Wien, konkret die MA 7, finanziell gefördert. Danken möchte ich auch den gewesenen und aktuellen Vorstandsmitgliedern unseres Vereins für ihre Mitarbeit.

Ich freue mich, dass heute so viele Mitglieder, Vorstandsmitglieder und Gäste anwesend sein können, um das 20jährige Jubiläum des Vereins zu feiern. Ich wünsche allen einen interessanten Abend und danke für Ihre Aufmerksamkeit!

20 Jahre Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, 8. November 2018 [Redemanuskript, PDF]

Die Rede wurde auch in den Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2018-2, S. 59–61 veröffentlicht.