Ingeborg Jaklin: Das österreichische Schulbuch im 18. Jahrhundert aus dem Wiener Verlag Trattner und dem Schulbuchverlag. Wien: Edition Praesens 2003, 299 Seiten.
ISBN 3-7069-0213-3
Schulbücher, zumal der Grundschulen, sind Gebrauchsgegenstände. Beschrieben und zerschlissen werden sie nur selten aufbewahrt. Bibliotheken hatten an dieser Gattung lange Zeit kein Interesse. Das sind schlechte Voraussetzungen für die historische Schulbuchforschung, die bisher nur mäßiges Interesse fand. Umso bemerkenswerter ist der Versuch des Buches von Jaklin, diesen Bereich aufzuhellen.
Als Maria Theresia am 6. Dezember 1774 ihre Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl.Königl. Erbländern erließ, war dies ein revolutionärer Schritt zur Modernisierung des Schulwesens in Österreich. Die Aufsicht über die Schulen, die bis dahin von der Kirche, den Jesuiten ausgeübt wurde, ging auf den Staat über. Diese Schulreform, vorangetrieben vor allem mit Hilfe von Johann Ignatz von Felbiger aus Preussisch-Schlesien und anderen, zielte darauf ab, den allgemeinen Bildungsstand in der Monarchie zu heben. Im Zug der anderen Reformen sollten den künftigen Bürgern und Bürgerinnen Kenntnisse des Schreibens, Lesens und in anderen Wissensfächern beigebracht, der Analphabetismus abgebaut werden. Welche Bedeutung Maria Theresia dabei den Schulbüchern beimaß zeigt sich daran, dass sie schon zwei Jahre vor der Schulreform, 1772, die Gründung eines Schulbuchverlages verfügt hatte.
Zwei Verlage spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle: Der von Johann Thomas von Trattner und der Schulbuchverlag. Der mit vielen Privilegien ausgestattete Buchhändler, Drucker, Nachdrucker und Verleger Trattner produzierte schon seit 1752, 1753 die Lehrbücher der höheren Schulen. Dem Schulbuchverlag sollte die Herstellung und der Vertrieb der Elementarschulbücher obliegen.
In einer weit ausgreifenden Studie gibt die Autorin Ingeborg Jaklin zuerst einen Überblick über den Buchdruck im Wien und das Schulwesen in Österreich im 18. Jahrhundert. Sie beleuchtet dann die verschiedenen Einflüsse durch den Bildungsbegriff der Aufklärung in Frankreich, Deutschland und Italien und ihre Rolle im absolutistischen Staat im 18. Jahrhundert. Es folgt eine kurze Darstellung der verschiedenen Schultypen in Österreich bis hin zu Leopold II. und Franz II./I. In dieses breite Umfeld wird dann die geschichtliche Entwicklung der Schulbücher eingebettet.
Herzstück der Untersuchung ist indessen die Produktion der Verlage Trattner und des Schulbuchverlages. Der Schulbuchverlag wurde nach einem Vorschlag des Rektors der Wiener Stadtschulen, Joseph Meßner, gegründet. Seine Aufgabe war es, einheitliche und zugleich billige Schulbücher zuerst für die österreichischen Erblande, dann für die gesamte Monarchie herzustellen und zu vertreiben.
Es folgt eine eindringliche Darstellung Trattners als „Schulbuchmonopolist“ vieler Lehrbücher. Seine Produktion wird den Anforderungen der staatlichen Verordnungen und den Lehrplänen und Curricula von Giovanni Battista de Gaspari und Gratian Marx gegenübergestellt.
Die Druckorte und Niederlagen Trattners und des Schulbuchverlages im Bereich der habsburgischen Monarchie werden auf einer Karte gezeigt. Im Anhang findet sich eine Liste von Lehrbüchern aus Trattners Verlagskatalogen. Der Band ist mit Illustrationen ausgestattet, enthält eine Bibliographie der Sekundärliteratur und wird durch ein vierfaches Register (Firmen, Personen, Orte, Sachen) erschlossen.
Diese Studie, die mit einer Fülle von Fakten und Titel Neuland erschließt, bietet eine Basis für weitere Einzelstudien und Analysen. Sie sollte nicht nur für Buchforscher und im weiteren Bereich für die Kinder- und Jugendliteratur von Interesse sein, sondern auch für Kulturwissenschaftler, Pädagogen, Historiker und Soziologen.