Carl Junker: Zum Buchwesen in Österreich. Gesammelte Schriften 1896–1927. Hrsg. von Murray G. Hall. Wien: Edition Praesens 2001, 677 S.
ISBN 3-7069-0058-0,
Wer sich heute mit der Geschichte des Buchwesens in Österreich befassen will, kommt um die Publikationen von Carl Junker nicht herum. Man kann ohne weiteres die Worte Junkers, die auf die Österreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz, seit 1860 das offizielle Organ der österreichischen Buchhändler, gemünzt waren, auf seine Veröffentlichungen beziehen: „Die 50 Bände, die jetzt vorliegen, mag man über vieles darin noch so ungünstig urteilen, sind für den künftigen Kulturhistoriker, der sich mit der Geschichte unseres Buchhandels beschäftigen wird, ein standard-work, auf das er immer wieder wird zurückgreifen müssen.“
Mit seinen Arbeiten über den österreichischen Buchhandel bzw. das österreichische Verlagswesen leistete Carl Junker einen Beitrag, der bis heute – mehr als 60 Jahre nach seinem Tod – seinesgleichen sucht. Der Stand der Forschung bei seinen Artikeln und Abhandlungen, seinen Monographien, ist vielfach noch der von heute. So manches Material, das als Grundlage seiner Studien diente, steht uns heute nicht mehr zur Verfügung, sodass seine Ausführungen gleichsam zum Quellenmaterial mutiert sind. Seine kleine Glosse „Die Katastrophe in Wien“ z.B. berichtet authentisch über den Verlust von unersetzlichen, grundlegenden Dokumenten und Akten aus dem Bestand „Staatsarchiv des Innern und der Justiz“, die im Justizpalast untergebracht waren und dem Brand zum Opfer fielen. Darunter befanden sich u.a. sämtliche Zensur- und Polizeiakte von der josefinischen Zeit bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts. Verloren gingen auch an die hundert Aktenfaszikel, die sich ausschließlich auf das Zeitungswesen bezogen. Darunter waren auch Unterlagen zur Geschichte des Buchhandels. Wie Junker berichtet, blieb von den ca. 10.000 dicke Aktenbündel und Kartons umfassenden Sammlungen fast gar nichts übrig.
Die vorliegende Ausgabe umfasst sämtliche einschlägige selbständige Publikationen Junkers. Das schließt gewichtige Monographien über die Firmen Gerold, Hölder-Pichler-Tempsky und Friedrich Jasper genauso wie seine kritische Analyse über den Stand des Urheberrechts in Österreich-Ungarn zur Jahrhundertwende und seine materialreiche Studie zur österreichischen Pressegeschichte ein.
Carl Junker wurde am 18. August 1864 als Sohn des gleichnamigen Architekten Carl (1827-1882), des Erbauers der ersten Wiener Wasserleitung sowie des Schlosses Miramare bei Triest, in Wien geboren. Carl Junker besuchte in Wien die Realschule und das Gymnasium, im Wintersemester 1884/85 begann er mit dem Jus-Studium. Danach unternahm er ausgedehnte Studienreisen, die ihn nach Deutschland, Italien, Frankreich, England, Holland und in die Schweiz führten. Er reiste auch nach Brüssel, um an der Gründungstagung des Institut international de bibliographie teilzunehmen und wurde kurz darauf dessen Sekretär für Österreich. Ab 1897 und bis 1921 war er als Konsulent zuerst des Vereins der österreichisch-ungarischen (später: österreichischen) Buchhändler. Er fungierte auch als Vize-Präsident der Union der Korrespondenten der auswärtigen Presse in Wien sowie als Schriftführer des Zentralvereins der Zeitungsunternehmungen Österreichs. Sieht man von einer Unterbrechung in den Jahren 1902-1904 ab, ist Junker auch Redakteur des buchhändlerischen Fachorgans, die Österreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz (nach dem Krieg: Buchhändler-Correspondenz, ab 1922 Anzeiger des österreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienhandels). Er arbeitet auch als Redakteur der Österreichischen Rundschau. Sein besonderer Einsatz vor der Jahrhundertwende gilt der Einführung der Dezimalklassifikation im Bibliothekswesen. Er entwickelte eine rege, manchmal mit einem missionarisch Eifer erfüllte publizistische Tätigkeit. Mit manchen frühen Arbeiten – teilweise sind es Auftragsarbeiten – will er überzeugen und informieren. Die Themen, die er engagiert behandelt, werden zu persönlichen Anliegen, so z.B. die Weigerung Österreich-Ungarns, der Berner Convention beizutreten, Er geißelt dieses Verhalten und schildert die fatalen Konsequenzen, die diese Abstinenz für Künstler und Literaten hat. Er setzt sich für die Konzessionspflicht und den festen Ladenpreis ein und macht den ersten Versuch – trotz der Widrigkeiten der Zeit – eine österreichische Nationalbibliographie zu erstellen. Von unschätzbarem dokumentarischem Wert sind seine historischen Beiträge über die Standesvertretung. Er ist es, der die Geschichte und Entwicklung des Vereins der österreichisch-ungarischen Buchhändler (1899) sowie der Korporation der Wiener Buch-, Kunst- und Musikalienhändler (1907) in zwei höchst informativen Festschriften aufzeichnet und nach dem Weltkrieg Gedanken über die Reorganisation des Buchhandels zu Papier bringt. Findet eine Buchausstellung statt, wird nicht selten, wie für Paris im Jahre 1900 oder für die Bugra in Leipzig 1914, Junker eingeladen, mit seinem Fachwissen einen entsprechenden Katalogbeitrag zu liefern. Carl Junker starb 1928, noch bevor er eine Geschichte wichtiger österreichischer Buchhandlungen zum Druck befördern konnte. Auch diese Texte werden in den vorliegenden Band, der durch fünf Register (Personen-, Firmen-, Sach- und Ortsregister, Zeitungen und Zeitschriften) erschlossen wird, aufgenommen.